Das 20. Jahrhundert war in Europas Geschichte vom Zweiten Weltkrieg geprägt – von Flucht und Vertreibung. Aber auch von neuen Chancen. Wenn Menschen wie Johanna und Karl Hoffmann, die in den 30er-Jahren geboren wurden und heute über 90 Jahre alt sind, ihre Lebensgeschichte erzählen, dann ist das auch die Geschichte dieses Jahrhunderts. Die Hofmanns sind Zeitzeugen mit bewegenden Biografien.

Weinheims Oberbürgermeister Manuel Just besuchte Johanna und Karl Hoffmann jetzt in ihrer gemütlichen Wohnung in einem Hochhaus der Konrad-Adenauer-Straße über den Dächern der Weststadt. Anlass war das seltene Fest der Gnadenhochzeit. Die Hoffmanns sind seit 70 Jahren verheiratet. Die Trauung fand am 21. Februar 1954 statt. Damals in Litauen.

Als Karl Hoffmann 1932 in Königsberg geboren wird, liegt die Stadt auf deutschem Staatsgebiet, ist Hauptstadt der Provinz Ostpreußen. In Königsberg stoßen die Kriegsmächte aufeinander. Als 1945 der Krieg endet, wird die Stadt russisch – Hoffmann und seine Familie werden vertrieben. Sie werden „Nazis“ gerufen; auch im Nachbarland Litauen, wo der Junge mit 14 Jahren eine neue Bleibe findet. Im Baltikum beginnt für ihn ein Leben zwischen den Kulturen. Er lernt die neue Sprache. Litauisch und Russisch, dient in der Sowjet-Armee. Und er lernt Johanna kennen, die Nichte der Frau, die ihn aufgenommen hat. Es ist Liebe auf den ersten Blick; sie hält jetzt 70 Jahre.

Ende der 50er-Jahre, ihr Sohn ist gerade zur Welt gekommen, recherchiert Karl Hoffmann, wohin es nach dem Krieg wohl seine Mutter und seine Schwester verschlagen hat. Über das Rote Kreuz findet er es heraus: nach Weinheim an der Bergstraße. Dort gebe es auch eine große Firma namens Freudenberg – und Arbeit, erfährt der junge Familienvater.

So findet die junge Familie eine neue Heimat, das ist 1960. Sie wohnen zunächst auf 13 Quadratmeter in der Wohnung der Mutter. Aber es geht aufwärts. Die Hoffmanns sind fleißige Leute. Er geht zu Freudenberg in die Fabrik. Es dauert drei Tage, bis er eine feste Arbeit im Simmering-Werk findet. Er bleibt dort 33 Jahre bis zur Rente, die letzten Jahre als Vorarbeiter. Johanna, die in Litauen Bibliothekarin war, geht zunächst zur Naturin, später als Reinigungskraft zur Stadt. Sie ist für die Sauberkeit der Albert-Schweitzer-Grundschule zuständig.

In den 70er-Jahren beziehen sie die kleine Wohnung im sechsten Stock des Hochhauses, in den nächsten Jahren kommen sechs Enkel zur Welt, mittlerweile sind vier Urenkel dazugekommen. Im Ruhestand haben sich die Hoffmanns als Kleingärtner in der Anlage auf der Waid engagiert, er einige Jahre als Obmann, bis die Gartenarbeit zu mühsam wurde. Sie haben auf ihre persönliche Art Geschichte geschrieben.  

Pressemitteilung der Stadt Weinheim, 22. Februar 2024